Die Welt nach Corona in Uelzen: Wir werden uns wundern!

Die Welt, so wie wir sie gerade kannten, löst sich auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Form wir zumindest erahnen können. Im Umgang damit möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, die ich häufig in therapeutischen Prozessen mit Einzelnen und Paaren nutze: Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen im Samocca mitten in Uelzen. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Ist alles so wie früher? Schmeckt der Saft, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlte sich sogar mancher Schüler und manche Schülerin erleichtert, dass das viele Rennen, Reden auf Instagram, Snapchat und Co. nach Kochrezepten, Workouts etc. zu einem Halt kam. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. In unserem Treppenhaus ein Zettel, dass wir alle aneinander denken und füreinander da sind. Meine Nachbarn, für die wir gerne einkaufen gehen, ein Stück weit näher gerückt sind.

Wir werden uns wundern, wenn sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben hat. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Im Herbst 2020 glaubt kein Mensch - oder nur noch wenige Hartgesottene - an die große digitale Erlösung. Lehrer mit digitalem Know-How sind Alltag, aber der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was sind wir füreinander?

Als Politik-Wirtschaftslehrerin werde ich mich wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie "Zusammenbruch" tatsächlich passierte, das vorher bei jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen "schwarzen April" gab, obwohl viele Unternehmen pleite gingen, kam es nie zum Nullpunkt. Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Just-in-Time-Produktion ist dem Ende nah. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance.

Als Psychotherapeutin merke ich hierzu an: Warum wirkt diese Art des "Von-Vorne-Szenarios" so irritierend anders in Vergleich zu anderen klassischen Prognosen? Wenn wir "in die Zukunft" schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme "auf uns zukommen", die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Ein „Aus der Zukunft sehen“  bildet hingegen eine Erkenntnis, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Erstaunlicherweise machen viele Menschen in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Mitten in der Ausgangsbeschränkung laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang. Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD ernsthafte Zerfleischungs-Erscheinungen zeigt, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. Und in Uelzen die Distanz wieder geschätzt wird und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten wird. In diesem Sinne: Musik und Klatschen auf Balkonen, so geht Zukunft auch in Uelzen! Nur Mut!